Lebendige Weine Magazin Muthenthaler – Wanderung in der Wachau

Muthenthaler – Wanderung in der Wachau

Wachautrilogie Marcus Körner

Barocke Möbel, schwere Vorhänge, ein Grammophon, das klassische Musik spielt.
So oder ähnlich verläuft der stereotypische Abend mit der Wiener Aristokratie. Man steht auf dem Balkon, raucht eine Zigarette und blickt auf die Donau. Plötzlich kratzt die Schallplatte, alle drehen ihre Köpfe verdutzt in den Raum. Und dort erblicken sie eine Gruppe Menschen, die in einer Art Trance zu obskurem Underground Techno tanzen. Unerwartet? Das ist das richtige Wort für Weine von Muthenthaler.

Nachdem wir Wien gegen den Strom der Donau verlassen haben, erreichen wir das geografische Weinjuwel namens Wachau. Jetzt ist es an der Zeit, die Donau hinter uns zu lassen, über das Boot zu springen und unsere Wanderschuhe anzuziehen. Wir werden in den Spitzer Graben wandern.

Wachautrilogie Marcus Körner
Marcus Körner – Wachautrilogie

Das Weingut Muthenthaler liegt am Ende des Spitzer Grabens (und wir können auch sagen am Ende der Wachau) unter den beeindruckenden Hängen der Bruck. Hier spielt die Donau keine Rolle mehr: das Klima ist auch im Sommer rau und kalt, die Weinberge sind hoch und in fast nacktem Stein verwurzelt. Es ist das, was man als „heroischen Weinbau“ bezeichnen würde, aus Kraft und Beharrlichkeit gewoben.

Unerwartet? Das ist das richtige Wort für Weine von Muthenthaler.

In den Weinen von Martin Muthenthaler sieht man seine fast sture Beharrlichkeit, sie nach seinem eigenen Stil zu machen, und gleichzeitig die Kraft, die er von den Menschen geerbt hat, die vor ihm den Boden bearbeiteten. Eine perfekte Metapher dafür sind die aus Steinmauern bestehenden Terrassen. Sie sind Teil der charakteristischen Landschaft des Spitzer Grabens. Ohne sie wäre es nicht möglich, auf diesen rutschigen Hügeln Reben anzubauen. Sie sind Teil der Tradition, die Stein für Stein als Tribut an dieses unglaubliche Terroir geschaffen wurde. Und doch braucht man seine eigene Ausdauer, um dort hinauf zu seinem Platz zu gehen, dessen Name von den älteren Bauern über Jahrhunderte hinweg mündlich weitergegeben wurde.

Wachautrilogie Marcus Körner
Marcus Körner – Wachautrilogie

Um zu verstehen, warum ein Mann all dies tut, kann man einfach die Weine probieren. Dies ist der Ort für großartige Rieslinge und Grüne Veltliner: Das kalte Wetter und der steinige Boden verleihen ihnen eine tiefe und gut integrierte Säure, verbunden mit einigen rauchigen Aromen, die vom Schiefer herrühren. Jeder Weinberg ist eine Besonderheit dieses verwirrenden Gebiets, aber alle Weine haben diesen erdigen, geheimnisvollen und tiefen Touch (den ich nur mit einem Aschehaufen oder der Erinnerung an alchemistische Riten in Verbindung bringen kann), der perfekt mit einer lebendigen und befriedigenden Frische tanzt.

MEINE WEINNOTIZEN

Grüner Veltliner Spitzer Graben 2018

Intensives Strohgelb mit sehr reichhaltiger Nase, die sofort von Rauchnoten nach Feuerstein und Schießpulver geprägt ist, gefolgt von Litschis, Honigmelone, Nektarinen, Glyzinienblüten, einigen krautigen Anklängen von Kiefer und Gewürzen wie weißem Pfeffer und Kümmel. Im Mund bestätigen sich die rauchigen Noten, die durch Weihrauch, Kardamomsamen und weiße Lilien bereichert werden. Lang, gut ausbalanciert zwischen einer breiten Rundheit und einer würzigen Säure, die das Finale reinigt und zum nächsten Schluck auffordert.

Das intensive Gelb im Glas kündet bereits von der Reichhaltigkeit des Weins. Unerwartet sind die rauchigen Noten von Schießpulver und Feuerstein, die in der Nase auftauchen und sich im Mund wiederfinden. Es ist eine Hülle aus Asche, die allen anderen Aromen zur Entfaltung verhilft: Litschi und Honigmelone zusammen mit Gewürzen wie Kreuzkümmel und weißem Pfeffer, bis hin zu einigen grünen, balsamischen Noten von Pinie. Am Gaumen wirkt die Asche nicht erdrückend, sondern glättend und ausgleichend auf die würzige, einladende Säure dieses faszinierenden Grünen Veltliners.

Grüner Veltliner Ried Schön 2018

Intensive goldgelbe Farbe mit einer ersten Nase von Asche und Feuerstein, die sich mit grünen Noten von Birkenholz, Apfel, Orangenzesten und einer zarten weißen Rose öffnet. Der erste Schluck wird dominiert von würzigen Noten von weißem Pfeffer, Rettich und Lakritzstange mit einem schönen bitteren Ende von frischer Mandel. Lang, vollmundig und mit einer perfekt integrierten Säure.

Dieser goldgelbe Wein ist schon in der Nase subtil und scharf. Geräucherte Noten von Asche und Feuersteinen sind die Torwächter eines zarten Waldes, in dem wir durch Birkenbäume spazieren und manchmal eine Pause machen, um einen der wenigen Äpfel zu pflücken, die wir auf unserem Weg finden. Der Mund kann den Mangel an Früchten nur bestätigen, zugunsten einer einnehmenden Schärfe aus weißem Pfeffer, Rettich, Lakritzstangen mit einer abschließenden, bitteren Note von frischen Mandeln. Hier gibt es keinen Platz für kompromittierende saftige Noten, wir wandern auf einem felsigen Berg mit kühler Luft in der Lunge. Diese Wanderung wird einige Zeit in Anspruch nehmen, aber die Aussicht vom Gipfel wird unbezahlbar sein.

Grüner Veltliner Vießlinger Stern 2018

Goldgelb im Anblick, hat gleich nach dem Einschenken etwas Beständiges, ein paar animalische Noten. Die Nase wandelt sich schnell in erfrischende Noten von Kreide, Kumquat, Kardamom, grünem Pfeffer, Brennnessel und Löwenzahn, ohne dabei zarte und runde Marillenaromen zu vergessen. Am Gaumen erkennt man den „Muthenthaler-Touch“ in den Räucheraromen im Hintergrund, zusammen mit würzigen Noten von Kümmel, grünem Pfeffer und Anis. Die immer noch präsente Säure lässt erahnen, welch langes Leben dieser Wein noch vor sich hat. Ein komplexer Grüner Veltliner „abseits der ausgetretenen Pfade“.

Es gibt Weine, die wir lieben, weil sie unserem Geschmack entsprechen oder weil wir sie für „perfekte Beispiele“ ihrer Art halten. Manchmal beeindruckt uns auch etwas Unerwartetes oder wir verbinden einen Wein mit einem bestimmten, für uns wichtigen Moment. Und dann ist da noch „das gewisse Etwas“, eine Eigenschaft, die wir nicht wirklich definieren können. „Dieses Etwas“ ist eine gute Definition für die Weine von Muthenthaler im Allgemeinen, aber hier hat es mich auf eine andere Ebene gebracht. Nachdem ich die goldgelbe Farbe im Glas gesehen hatte, nachdem ich Anklänge von Kreide, exotischen Zitrusfrüchten und gewöhnlichem Grün gefunden hatte, das ich auf den Feldern meiner Kindheit gesehen hatte, nachdem ich an dem Wein genippt und gelächelt hatte, nachdem ich die rauchigen Noten gefunden hatte, die für mich jetzt eine Signatur dieses Weinguts sind… konnte ich nicht erleichtert sein. Dieses „Etwas“ ist noch weit davon entfernt, in diesem Wein definiert zu werden, der definitiv Grüner Veltliner ist, aber anders. Da ist das Terroir und die Philosophie des Weinguts, ganz sicher. Aber da ist noch mehr, und im Moment bin ich glücklich genug, um ihn als einen faszinierenden, zufriedenstellenden Vorgeschmack auf die Zukunft zu bezeichnen.



Dieser Artikel ist mit Zeichnungen des Künstlers und Innenarchitekten Marcus Körner illustriert. Der Zeichner hat die hier erdachte Reise selbst vollzogen – von Wien in die Wachau, wo er nun lebt und arbeitet. Marcus ist für einige Winzer der Region als Architekt und Gestalter tätig. Am 02.12.21 stellt er seine Werke in Wien aus sowie von April bis September kommenden Jahres im Schiffahrtsmuseum Spitz. Mehr Informationen unter  www.quadratur.at und  www.wachauzeichnung.com


Text: Jonathan Gobbi
Zeichnungen: Marcus Körner
AD: Dimitri Taits