Frag hundert Menschen, aus welchen Trauben Champagner gemacht wird, und neunundneunzig werden antworten: Chardonnay, Pinot Noir, Pinot Meunier. Das ist nicht falsch — diese drei Rebsorten machen über 99,7 Prozent der bestockten Fläche in der Champagne aus. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.
Das Reglement der Appellation erlaubt sieben Rebsorten. Neben den großen Drei sind das Arbane, Petit Meslier, Pinot Blanc und Pinot Gris — Sorten, die im 19. Jahrhundert noch verbreitet waren und dann fast vollständig verschwanden. Die Reblaus, zwei Weltkriege und die industrielle Standardisierung der Nachkriegszeit ließen kaum Platz für Rebsorten, die wenig Ertrag brachten, schwer zu kultivieren waren oder nicht ins Schema der großen Häuser passten.
Doch genau diese Sorten erleben jetzt ein Comeback. Nicht bei Moët oder Veuve Clicquot — dort werden sie auch in hundert Jahren keine Rolle spielen. Sondern bei den Winzern, die Champagner als Terroir-Wein verstehen: Olivier Horiot in Les Riceys kultiviert alle sieben zugelassenen Sorten, darunter Arbane — die seltenste Rebsorte der Champagne, von der insgesamt weniger als ein Hektar existiert. Tarlant in Œuilly füllt Petit Meslier reinsortig ab. Charles Dufour in Landreville arbeitet mit Pinot Blanc.
Was diese Winzer antreibt, ist nicht Nostalgie. Es ist die Überzeugung, dass die Champagne reicher ist als ihr Dreisorten-Image vermuten lässt — und dass in den vergessenen Rebsorten Aromen schlummern, die kein Chardonnay und kein Pinot Noir bieten kann.
Chardonnay — Kreide und Eleganz

Chardonnay ist die Königin der Champagne — und das, obwohl sie nur knapp 30 Prozent der Rebfläche belegt. Kein anderer Wein dieser Welt hat das Image von Eleganz, Finesse und Lagerfähigkeit so untrennbar mit einer einzigen weißen Rebsorte verbunden wie die Champagne mit ihrem Chardonnay.
Die Heimat des Chardonnay ist die Côte des Blancs, ein schmaler Höhenzug südlich von Épernay, dessen ostwärts geneigte Hänge auf reinem Kreidekalk wachsen. Die Grands Crus liefern Chardonnay von schneidender Präzision: zitrische Säure, mineralische Salzigkeit, eine fast ätherische Transparenz. Blanc de Blancs aus der Côte des Blancs sind Champagner, die in ihrer Jugend streng und verschlossen wirken und erst nach Jahren auf der Hefe jene cremige Komplexität entwickeln, für die sie berühmt sind.
Acht Hektar auf reiner Kreide in Cramant, Grand Cru. Von Hand geerntet, von Hand gerüttelt — Chardonnay als Ausdruck eines konkreten Stücks Boden.
Aber Chardonnay ist nicht auf die Côte des Blancs beschränkt. Im Sézannais, einer erst spät wiederentdeckten Region, wächst er auf ähnlichem Kreidekalk. Barrat-Masson in Bethon baut 90 Prozent Chardonnay an — auf Böden, die geologisch denen von Cramant gleichen, aber Champagner mit eigenem Charakter hervorbringen: etwas breiter, etwas fruchtiger, mit einer cremigen Textur, die den reinen Kreide-Chardonnay der Côte des Blancs um eine wärmere Note ergänzt.
Was Chardonnay in der Champagne so wertvoll macht, ist seine Fähigkeit zu reifen. Ein Blanc de Blancs von Larmandier-Bernier braucht fünf, sieben, manchmal zehn Jahre auf der Hefe, um sein volles Potenzial zu entfalten. De Sousa in Avize geht noch weiter: biodynamische Bewirtschaftung mit Pferden, Grand-Cru-Chardonnay, der in seiner Komplexität an die besten weißen Burgunder erinnert.
Pinot Noir — Struktur und Tiefe

Pinot Noir ist mit rund 38 Prozent die am weitesten verbreitete Sorte in der Champagne — und die widersprüchlichste. Aus einer roten Traube, deren Saft farblos ist, entsteht weißer Schaumwein. Was bleibt, ist die Struktur: Pinot Noir gibt dem Champagner Rückgrat, Fruchttiefe und jenen vinösen Charakter, der ihn vom reinen Chardonnay-Stil unterscheidet.
Die Montagne de Reims ist das historische Kernland des Pinot Noir. Marguet in Ambonnay füllt vier verschiedene Einzellagen separat ab — jede zeigt einen anderen Aspekt dessen, was Pinot Noir auf Kalkstein kann.
Die zweite Hochburg liegt im Süden: Die Côte des Bar, geologisch näher an Chablis als an Reims, ist Pinot-Noir-Land. Françoise Martinot in Celles-sur-Ource keltert hundert Prozent Pinot Noir auf warmem Mergel: Champagner mit burgundischer Seele, vinifiziert von ihrem Sohn Charles Dufour. Petit Clergeot in Polisot radikalisiert das Konzept: eine Parzelle, eine Rebsorte, ein Jahrgang — Pinot Noir als unvermischter Ausdruck eines konkreten Weinbergs.
Blanc de Noirs — Champagner ausschließlich aus roten Rebsorten — war lange ein Nischenprodukt. Doch unter den Winzer-Champagnern hat sich der Blanc de Noirs als eigenständige Kategorie etabliert: vinöser, körperreicher, mit einer Struktur, die ihn zu einem hervorragenden Essensbegleiter macht.
Meunier — Das unterschätzte Rückgrat

Jahrzehntelang war Meunier der Paria unter den Champagner-Trauben. Die dritte Sorte. Die Aushilfe. Die Rebsorte, die man brauchte, weil sie frostresistent war und früh reif wurde — nicht weil man sie wollte. Kein Grand Cru ist mehrheitlich mit Meunier bestockt. Kein großes Haus hat je eine sortenreine Meunier-Cuvée als Prestige-Wein vermarktet.
Diese Hierarchie war schon immer falsch. Meunier — früher offiziell Pinot Meunier, inzwischen von vielen Winzern einfach nur Meunier genannt, um die Verwandtschaft mit Pinot Noir nicht als Unterordnung misszuverstehen — bedeckt 32 Prozent der Rebfläche. In der Vallée de la Marne, wo die Tallagen kühler und frostgefährdeter sind, dominiert sie.
Haben sich Meunier zur Spezialität gemacht. Ihre Champagner zeigen, was die Rebsorte als eigenständige Sorte leisten kann, wenn man sie ernst nimmt — saftig, komplex, eigenständig.
Georges Laval in Cumières, einer der kompromisslosesten Winzer der Champagne, füllt Einzellagen ab, in denen Meunier eine zentrale Rolle spielt — Les Chênes, Les Hautes Chèvres sind Flurnamen, keine Sortennamen, und genau das ist der Punkt: Meunier als Terroir-Träger, nicht als Lückenbüßer. Jérôme Blin in Vincelles und Régis Poissinet ergänzen das Bild: Meunier-Spezialisten, die der Sorte mit biologischem Anbau und minimalem Eingriff eine Bühne geben.
Die Rehabilitation des Meunier ist Teil einer größeren Bewegung: weg von der Hierarchisierung der Rebsorten, hin zur Frage, was eine Sorte an einem konkreten Ort leisten kann. In der Vallée de la Marne ist Meunier nicht die dritte Wahl. Sie ist die erste.
Die vier Vergessenen: Arbane, Petit Meslier, Pinot Blanc, Pinot Gris

Im 19. Jahrhundert war die Champagne ein rebsortenreiches Mosaik. Neben Pinot Noir und dem erst später dominierenden Chardonnay wuchsen Dutzende lokaler Varietäten in den Weinbergen. Vier dieser historischen Sorten sind noch zugelassen. Zusammen belegen sie weniger als ein Prozent der Rebfläche.
Die seltenste zugelassene Rebsorte der Champagne. Spätreifend, ertragsschwach, anfällig — aber mit einem Aromenspektrum zwischen Limette und weißem Pfeffer, das keine andere Champagner-Rebsorte bietet. Straffe, fast nervöse Säure, kräuterige Finesse.
Das genaue Gegenteil von Gefälligkeit. Zitronenscharfe, präzise, kompromisslose Säure — selbst in der säurebetonten Champagne fällt sie auf. In der Assemblage verleiht ein kleiner Anteil dem gesamten Cuvée eine nervöse Spannung, die kein Chardonnay erreicht.
Natürliche Mutation von Pinot Noir. Runder als Chardonnay, feiner als Pinot Noir. In der Champagne selten reinsortig, aber als Assemblage-Komponente bringt er eine cremige Mittigkeit, die den Blend abrundet.
Historisch als Fromenteau oder Enfumé bekannt. Rosa-graue Beerenhaut, farbloser Most. Bringt eine exotische, leicht würzige Note — Quitte, Mandel, eine Spur Rauch. Einzelne Parzellen existieren noch in der Côte des Bar.
Olivier Horiot in Les Riceys (Côte des Bar) ist einer der wenigen Winzer weltweit, der alle sieben zugelassenen Rebsorten der Champagne kultiviert. Seine Cuvée „En Barmont“ aus reiner Arbane ist ein Unikat — und ein Beweis, dass die vergessenen Sorten keine Museumsstücke sind, sondern lebendige Weine.
Assemblage vs. Reinsortig
Die Assemblage ist das Herzstück der klassischen Champagne. Chardonnay liefert Säure und Eleganz, Pinot Noir Struktur und Fruchttiefe, Meunier saftige Zugänglichkeit. Die Kunst des Kellermeisters besteht darin, aus diesen Bausteinen ein Ganzes zu komponieren, das mehr ist als die Summe seiner Teile.
Doch seit den 1990er Jahren wächst eine Gegenbewegung. Immer mehr Winzer füllen sortenrein ab — nicht um die Assemblage abzuschaffen, sondern um zu zeigen, was eine Sorte an einem konkreten Ort leisten kann. Blanc de Blancs, Blanc de Noirs, Coteaux Champenois — die Champagne öffnet sich für eine Vielfalt, die die industrielle Ära fast erstickt hätte.
Blanc de Blancs: 100 % weiße Trauben (Chardonnay). Mineralisch, filigran, Kreide-getrieben. Langlebig.
Blanc de Noirs: 100 % rote Trauben (Pinot Noir, Meunier). Vinös, körperreich, fruchtbetont. Essensbegleiter.
Assemblage: Blend aus 2–3+ Sorten. Komplexität durch Komposition. Der klassische Champagner-Stil.
Rosé: Blend mit stillem Rotwein oder Saignée-Methode. Rote Frucht, Struktur.
Marguet in Ambonnay füllt vier Einzellagen separat ab — jede ein eigener Wein, der das Terroir eines konkreten Stücks Boden zeigt. Georges Laval macht dasselbe in Cumières mit seinen Lieux-dits. Es sind Ansätze, die dem Burgund näher stehen als der klassischen Champagne — und die eine einfache Frage stellen: Wenn jede Sorte ihren eigenen Charakter hat, warum sollte man ihn in der Assemblage verschwinden lassen?
Die Antwort ist differenziert. In manchen Jahrgängen und an manchen Orten ergibt die Assemblage den besseren Wein. In anderen ist die sortenreine Abfüllung der ehrlichere Ausdruck. Die Winzer auf lebendigeweine.de verstehen beides — und entscheiden von Jahrgang zu Jahrgang, was dem Wein dient.
Unsere Winzer und ihre Rebsorten
Die Champagner-Winzer auf lebendigeweine.de arbeiten mit dem gesamten Spektrum der zugelassenen Sorten — von Chardonnay und Pinot Noir über Meunier bis hin zu den seltenen Vergessenen.
Kultiviert alle sieben zugelassenen Rebsorten. Cuvée „En Barmont“ aus reiner Arbane. Rosé des Riceys.
Meunier-Spezialisten. Zeigen, was die unterschätzte Sorte als eigenständiger Wein leisten kann.
Reiner Pinot Noir auf warmem Mergel. Champagner mit burgundischer Seele.
Füllt die seltene Sorte reinsortig ab. Einzellagen, Terroir-Purismus.
75 % Pinot Noir, ergänzt durch Chardonnay und Pinot Blanc. „Selosse der Aube“.
Biodynamischer Grand-Cru-Chardonnay in Avize. Pferdearbeit im Weinberg.
Einzellagen in Cumières. Meunier als Terroir-Träger, nicht als Lückenbüßer.
Wer Chardonnay von Pertois-Lebrun neben Meunier von Jeaunaux-Robin und Arbane von Horiot stellt, versteht die Champagne als das, was sie ist: nicht eine Rebsorte, nicht drei, sondern sieben.
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Quellen
- champagne.fr – Champagne and its Grape Varieties (Comité Champagne)
- Peter Liem, Champagne: The Essential Guide to the Wines, Producers, and Terroirs of the Iconic Region (2017)
- Wine Folly – Handy Champagne Guide
