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Fidora

Emilio Fidora, Winzer und Inhaber des biodynamischen Weinguts Fidora im Veneto

Ein CrossFit-Athlet, der Kuhhörner mit Kieselerde füllt und bei Vollmond im Weinberg vergräbt? Das Weingut Fidora ist voller Widersprüche, die Sinn ergeben. Als Guido Fidora 1974 beschloss, keine Pestizide mehr zu spritzen, hielten ihn viele für verrückt. Heute, fünfzig Jahre später, ist Civranetta das älteste Bio-Weingut des Veneto. Sein Enkel Emilio bereitet jedes biodynamische Präparat selbst zu: Kamille, Schafgarbe, Brennnessel. Ein Drittel der 160 Hektar bleibt wild – Wälder, Teiche, Weiden für Rinder und Pferde. Die Weine schmecken nach dieser Freiheit: Der Prosecco klar und mineralisch statt süßlich-banal, der Amarone konzentriert und lebendig. Vier Güter erstrecken sich vom Hinterland Venedigs bis in die steilen Hügel von Valdobbiadene und Valpolicella.




Mehr über Fidora

Vier Generationen, ein Prinzip

1927 kaufte Ferruccio Fidora das Gut Civranetta – benediktinisches Schwemmland im Hinterland der Lagune von Venedig, dessen Geschichte bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Die Adelsfamilie Civran hatte das Land einst von den Mönchen übernommen und ihm seinen Namen gegeben. Ferruccios Sohn Guido, eigentlich ausgebildeter Psychologe, übernahm den Betrieb und traf 1974 eine radikale Entscheidung: Schluss mit Insektiziden, Herbiziden und Kunstdünger. In einer Zeit, als die italienische Landwirtschaft auf Maximierung der Erträge setzte, behielt er Fruchtwechsel, Viehzucht und lineare Hecken zwischen den Feldern bei. Als die EU 1991 erstmals Bio-Richtlinien formulierte, saß Guido Fidora mit am Tisch und half, die ersten Entwürfe zu schreiben. Heute führt die vierte Generation das Werk fort: Emilio Fidora kam nach einer Konzernkarriere im In- und Ausland zurück auf den Hof und treibt die biodynamische Bewirtschaftung voran. 2020 erhielt das Weingut die Demeter-Zertifizierung – eine rare Auszeichnung, die nur Betrieben zugesprochen wird, die bereits seit Jahren nach diesen Prinzipien arbeiten. Einige Weine des Jahrgangs 2019 wurden sogar rückwirkend zertifiziert.

Weinberge des biodynamischen Weinguts Fidora im Veneto

Vier Tenute, ein Terroir-Mosaik

Die Familie besitzt heute 400 Hektar in vier verschiedenen Lagen, davon rund 80 Hektar unter Reben. Das Stammgut Civranetta nahe Venedig liefert Glera für den Prosecco Spumante Brut sowie Pinot Grigio für Still- und Amphoren-Weine. In Collagù, auf den steilen UNESCO-Welterbe-Hügeln von Valdobbiadene, wächst der feine, elegante Prosecco Superiore. Für die Rotweine geht es westwärts in die Valpolicella: In Montorio im östlichen Teil und auf dem Weingut Fraune im klassischen Tal von Fumane reifen Corvina, Corvinone und Rondinella für Valpolicella, Ripasso und den mächtigen Amarone Monte Tabor. Die kalkigen Hänge des Marano-Tals, wo auch die Brüder Castellani von Cà la Bionda ihre Corvina biologisch bewirtschaften, liegen nur wenige Kilometer entfernt – zwei Pioniere des Bio-Amarone in unmittelbarer Nachbarschaft.

Ein Hof wie ein Organismus

Biodynamik bedeutet hier mehr als ein Siegel auf der Flasche. Emilio besuchte die Rudolf-Steiner-Schule in der Schweiz und bereitet seitdem jedes Präparat selbst zu. Er füllt Kuhhörner von Kühen mit Kälbern – nur deren Hörner speichern laut Steiner die nötige kosmische Energie – mit Silica und vergräbt sie im Frühjahr an sonnigen Stellen. Im Herbst kommen mistgefüllte Hörner in die kältesten Ecken der Weinberge, um die Kräfte der Erde zu konzentrieren. Kamille, Schafgarbe, Brennnessel und Löwenzahn wachsen zwischen den Rebzeilen und liefern die Basis für die Kompostpräparate. Rinder, Pferde, Geflügel und Schweine grasen auf den Weiden und schließen den Kreislauf mit ihrem Dünger. Mindestens ein Drittel des Landes bleibt bewusst unproduktiv: Wälder, Hecken, Teiche – Rückzugsräume für Insekten, Vögel und Wildtiere. Das Ergebnis sind Weine mit ungewöhnlicher Klarheit. Der Prosecco Col Fondo gärt auf der Hefe in der Flasche, trüb und lebendig wie ein Cidre – das Gegenteil des glasklaren Industrie-Prosecco.

Landschaft und Weinberge des Weinguts Fidora

2024: Eine neue Kellerei

Nach drei Jahren Bauzeit eröffnete Fidora im Jahr 2024 eine neue Schwerkraft-Kellerei in San Pietro in Cariano bei Verona. Das vierstöckige Gebäude erstreckt sich über 4.000 Quadratmeter und arbeitet vollständig mit Photovoltaik. Die Trauben werden nicht gepumpt, sondern gleiten durch die Schwerkraft von Etage zu Etage – schonender geht es nicht. Der Jahrgang 2023 wurde teilweise bereits hier vinifiziert, ab 2024 läuft die gesamte Rotwein-Produktion über die neue Anlage. Fünfzig Jahre nach Guidos erstem Verzicht auf Chemie ist der Kreis geschlossen: Ein Weingut, das von der Sonne lebt – im Weinberg wie im Keller. Die Moscato-Schaumweine, trocken als Brut Nature oder leicht restsüß als Demi-Sec, zeigen die aromatische Seite des Hauses. Wer den Prosecco-Mainstream satt hat, findet bei Fidora das Gegenprogramm.

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