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Vins Nus

Die Etiketten verraten es sofort: Calder-Mobiles, kinetische Skulpturen, die der Wind bewegt. Bei Vins Nus – auf Katalanisch „nackte Weine“ – dreht sich alles um Bewegung und Verzicht. Alfredo Arribas, Architekt aus Barcelona, hat hier im Montsant ein Gegenprogramm zum wuchtigen Priorat geschaffen. Keine Extraktion, kaum Holz, null Schwefel. Was bleibt, ist Säure als Rückgrat und Terroir als Aussage.
Mehr über Vins Nus
Der Architekt, der Weine entkleidet
Als Alfredo Arribas Ende der 1990er Jahre für ein Bauprojekt nach Katalonien zurückkehrte, entdeckte er das Priorat. Der multidisziplinäre Architekt aus Barcelona kaufte zunächst das Weingut Clos del Portal und machte sich auf die Suche nach Trauben für seinen Spitzenwein „Tros de Clos“. Dabei stieß er im kühleren, nordwestlichen Montsant auf etwas Unerwartetes: Weinberge auf über 700 Metern, umgeben vom Naturpark, wo die Nächte selbst im Hochsommer kühl bleiben.
Diese Höhenlage veränderte seine Vorstellung von katalanischem Wein. Hier oben, wo die Säure natürlich erhalten bleibt, brauchte er keine Tricks. Kein Holz zur Strukturgebung, keine Schwefelung zur Stabilisierung. Nur Amphoren, Geduld und Vertrauen in die Trauben. So entstand 2005 Vins Nus – Weine, die mehr durch Abwesenheit als durch Zusätze definiert sind.

SiurAlta: Wo die Luft dünn wird
Der Name verrät die Philosophie: SiurAlta – von Serra Alta, die hohen Berge. Die Weinberge bei Cornudella del Montsant und Siurana liegen zwischen 700 und 820 Metern, auf gelben Lehmböden mit nördlicher Ausrichtung. Hier wachsen alte Grenache-Reben im traditionellen Gobelet-Schnitt, manche über 40 Jahre alt. Die Erträge sind winzig, die Konzentration enorm – aber durch die Höhe bleibt alles frisch und lebendig.
Der Siuralta Orange zeigt, was diese Lage kann: Grenache Gris, eine grau-orange Mutation der roten Grenache, wird nach kurzer Mazeration in Amphoren ausgebaut. Das Ergebnis ist terpinig, fast oxidativ angehaucht, mit einer Säure, die an Bergluft erinnert. Ähnlich der Siuralta Gris: schwebend leicht bei nur 13% Alkohol, mit einem pH-Wert von 3.0 – Werte, die man eher im Burgund erwarten würde.

InStabile: Weine im freien Fall
Während die SiurAlta-Weine Terroir-Präzision suchen, ist die InStabile-Serie das genaue Gegenteil: totale Freiheit. Kein Jahrgangsdenken, kein Rebsorten-Purismus, keine Regeln außer einer – kein Schwefel, niemals. Die Weine tragen Nummern statt Namen, mit wechselnden lateinischen Untertiteln: „In Albis“, „Mea Culpa“, „Alter Ego“.
Der Instabile Brisat No. 3 In Albis etwa wird aus maischevergorenen weißen Trauben erzeugt – „brisat“ bedeutet Maischekontakt. Das Ergebnis ist ein Wein, der sich nach dem Öffnen der Flasche noch stundenlang verändert. Mobil, formverändernd, wie die Calder-Skulpturen auf dem Etikett. Wer Stabilität sucht, ist hier falsch. Wer lebendige Großzügigkeit will, genau richtig.
Nacktheit als Prinzip
Vins Nus produziert Weine mit mehr Abwesenheiten als Zusätzen: praktisch kein Holz, keine Extraktion, kein zugefügter Alkohol, keine manipulierte Farbe. Was übrig bleibt, ist die Essenz des Montsant – Höhenlage, Lehm, alte Reben, kühle Nächte. Die Weine sind keine Kopie des benachbarten Priorat, sondern dessen Gegenthese: Leichtigkeit statt Wucht, Säure statt Tannin, Bewegung statt Monumentalität.
Für Alfredo Arribas schließt sich damit ein Kreis. Der Architekt, der Räume gestaltet, hat gelernt, beim Wein wegzulassen statt hinzuzufügen. Die „nackten Weine“ zeigen, was passiert, wenn man dem Terroir vertraut – und sonst niemandem.





