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Le Chiuse

Lorenzo Magnelli, Le Chiuse

Wer in den achtziger Jahren einen Biondi-Santi Riserva im Glas hatte, trank in Wahrheit die Trauben dieser Parzellen am nördlichen Rand Montalcinos. Le Chiuse gehört seit 1790 derselben Familie, und bis 1990 wanderte die gesamte Ernte anonym nach Il Greppo, wo sie in den legendärsten Flaschen Italiens verschwand. Erst 1993 füllte Simonetta Valiani, die Nichte von Tancredi Biondi-Santi, ihren eigenen Brunello ab. Heute führt ihr Sohn Lorenzo Magnelli den Keller – mit Reben aus Massalselektion jenes Sangiovese-Grosso-Klons, den sein Urgroßvater Ferruccio hier vor 120 Jahren selbst ausgelesen hatte.




Mehr über Le Chiuse

Die Mitgift von 1790

Ein halbes Jahrhundert vor der Erfindung des Brunello begann die Geschichte dieses Guts als Heiratsgabe: Maria Tamanti brachte die Ländereien nördlich von Montalcino in die Ehe mit Clemente Santi – jenem Clemente, dessen Enkel Ferruccio Biondi Santi Jahrzehnte später auf genau diesen Hängen den Sangiovese-Grosso-Klon BS 11 selektionierte, aus dem der erste Brunello entstand. Ferruccios Sohn Tancredi vererbte Le Chiuse an seine Tochter Fiorella mit einer einzigen Bedingung: niemals verkaufen. So kam es, dass die Trauben bis 1990 stillschweigend an Bruder Franco nach Il Greppo geliefert wurden und dort, ohne eigenes Etikett, in den Riserven landeten, die Jancis Robinson zu den langlebigsten Rotweinen Italiens zählt. Erst 1993 füllte Simonetta Valiani ihren ersten eigenen Brunello ab – und trieb damit eine stille Emanzipation voran, die kaum ein Kritiker wahrnahm. Heute hat Lorenzo Magnelli, Simonettas Sohn, die Kellerarbeit übernommen; die Reben auf seinen sieben Hektar stammen aus Massalselektion desselben Klons, den sein Urgroßvater vier Generationen zuvor hier ausgelesen hatte. Eine genetische Kontinuität, die in Montalcino kaum ein zweites Weingut vorweisen kann.

Sangiovese-Weinberge von Le Chiuse an der Nordflanke des Montosoli

Die Nordseite des Montosoli

Die Weinberge liegen in der Località Valdicava an der nordöstlichen Flanke von Montosoli – jener Hügel, den manche Verkoster das Côte-Rôtie des Brunello nennen: kühler als der Süden der Appellation, länger in der Reifung, mit einer Aromatik, die eher nach Kirschkern, nasser Eisenstange und wildem Wacholder riecht als nach Marmelade. Die sieben Hektar reiner Sangiovese verteilen sich auf zwei Ebenen: eine untere Terrasse um 300 Meter, eine obere auf knapp 500 Metern über dem Meer – hoch genug, dass selbst in heißen Augustnächten die Temperaturen fallen. Unter den Reben: Galestro-Schiefer, Kalkmergel, Ton, dazwischen ein Kern vulkanischen Tuffs. Wer eine Scholle zerbricht, spürt das Blättrige zwischen den Fingern. Geerntet wird bei rund 50 Hektolitern pro Hektar – die Hälfte dessen, was das Konsortium erlaubt. Seit 2005 tragen die Lagen das italienische Bio-Siegel.

Drei Jahre im slawonischen Fass

Im Keller herrscht eine fast dogmatische Zurückhaltung. Spontangärung mit autochthonen Hefen, Maischestandzeiten bei rund 29 Grad, und danach 36 Monate ausschließlich in großen Botti aus slawonischer Eiche – keine Barrique, nirgendwo. Die Riserva „Diecianni“, die 2024 Gambero Rossos Tre Bicchieri geholt hat, schläft sogar vier Jahre im Holz, bevor sie die Flasche sieht. Der Keller ist schwerkraftgeführt; der Wein findet seinen Weg ohne Pumpe, allein über Gefälle. Wer diesen Stil kennt, hört ihn im Glas: feiner Tanninschliff statt Röstaromen, das Fass dient als Atmungsorgan, nicht als Gewürzschrank. Eine Handschrift, die sich in Montalcino auf sehr wenige Güter erstreckt – Pian Dell’Orino, unmittelbar am südlichen Hang von Il Greppo gelegen und damit fast Blickkontakt zu Le Chiuse, verfolgt dieselbe Schule: parzellenbetont, biologisch, ohne Make-up im Fass.

Slawonische Holzfässer im schwerkraftgeführten Keller von Le Chiuse

Was im Glas landet

Der Brunello di Montalcino 2020 liegt bei 98 Punkten Kerin O’Keefe, 96 Wine Advocate, 96 Jeb Dunnuck und 96 Decanter. Was daraus im Glas wird: wilde Walderdbeere und Sauerkirsche vor Rose und Veilchen, dazu Fenchelsaat, getrocknete Salbeiblätter und Herbstlaub; am Gaumen das, was Monica Larner als „pure silk“ mit feinkörnigem, griffigem Ausklang beschreibt, getragen von einer Zitrusspannung, die den Speichel zum Fließen bringt. Der leichtere Rosso di Montalcino 2024 stammt aus denselben Parzellen, nur aus den jüngeren Rebstöcken und nach etwa 13 Monaten im großen Holz – Eric Guido hat ihn in seinem Vinous-Jahrgangsbericht als „elegant, energetic“ gerahmt, den hellen, floralen Gegenpol zum strukturierten Brunello, ideal zu Tagliatelle al ragù oder Coniglio alle olive. Für Sammler lohnt die Magnum des 2020er: In den großen Flaschen reift der Wein langsamer, die feingliedrige Struktur dieses Jahrgangs wird über zwei Jahrzehnte tragen – wie es bereits der 2016er tut (Wine Spectator Top 100, Platz 5) und wie es der 2019er noch beweisen wird, den Michaela Morris im Decanter mit 99 Punkten zu einem der höchstbewerteten Brunello-Annatas überhaupt erklärt hat.

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